Normalgewicht ist nicht für alle normal

Es kommt auf die inneren Werte an!         

Wie uns Oberflächlichkeit krank machen kann.

Stellen Sie sich vor, Ihren Körper zu lieben und mit ihm zufrieden zu sein und das, obwohl Sie nicht im „Idealbereich“ liegen. Unvorstellbar?

Für viele ist das ungewöhnlich und sogar schräg. Sie fragen sich womöglich: „Ich soll nicht versuchen ab- oder zuzunehmen, obwohl ich (laut BMI) über- bzw. untergewichtig bin? Ist das erlaubt?“

Es ist schon zur Norm geworden unzufrieden mit seinem Körper zu sein und ihn zu bemängeln. Auf die Frage, ob Sie was an Ihrem Körper verändern würden, wenn Sie könnten, würden viele mit einem lautstarken „JA!“ antworten.

Foto: Djvstock – istockphoto.com

Im Vergleich zu den heutigen Schönheitsidealen in den Medien und vor allem auf Social-Media-Kanälen, sind wir „Normalos“ zu dick, zu dünn, zu untrainiert, zu undiszipliniert, zu dies, zu das…Doch diese unrealistischen Ideale können schaden. Studien beweisen, dass die Mediennutzung mit der Körperunzufriedenheit korreliert. Das heißt, je mehr Zeit wir vor dem Bildschirm verbringen, desto negativer wird unser Selbstbild (1).

Diese negativen Gedanken und Äußerungen von und über uns selbst (oder anderen), haben gravierende Folgen. Das „Bodyshaming“-Thema ist nicht nur gesellschaftlich aktuell, es wird auch immer zu einer wissenschaftlichen Angelegenheit. Studien zeigen, dass Gewichtsdiskriminierungen und „Fat shaming“ krank machen können. Je mehr abwertende Kommentare man zu hören bekommt, desto eher wird man krank, die Gewichtszunahme wird begünstigt und das Fettleibigkeitsrisiko erhöht (2). Doch nicht nur die Krankheitshäufigkeit steigt, sondern auch das Sterberisiko, um sage und schreibe 57%! Da es sich noch um sehr junge Studien handelt, weiß man noch nicht, welcher exakte Mechanismus dahintersteckt (3). Forscher*innen meinen aber, dass Menschen diese Kommentare „internalisieren“, also einverleiben. Dadurch steigt die Selbst-Isolation und Einsamkeit, während das Selbstwertgefühl, die sozialen Kontakte und Arztbesuche sinken (2).

Foto: Dejana Simic

 

Auch durch die Covid-19-Pandemie und dem damit verbundenen Lockdown, wurde das Körperbewusstsein negativ beeinflusst. Sowohl Männer als auch Frauen berichteten über mehr Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Aussehen. Einerseits kann das der längeren Bildschirmzeit und damit verbundener Exposition gegenüber dünnen und athletischen Idealen geschuldet sein. Andererseits auch durch den Covid-19-bedingten Stress und die Angst, die uns die Energie rauben, weitere Herausforderungen zu bewältigen (4). Der soziale Druck fit zu werden ist während der Pandemie stark gewachsen. Während der Lockdowns hätte man angeblich „keine Ausreden“ mehr und kann nun das explodierende Angebot an Home-Workouts und „Pandemie-Rezepten“ gut nützen (1).

Angesichts der Ergebnisse dieser Studien ist es auch nicht verwunderlich, dass sich der Krankheitsverlauf bei Menschen mit Essstörungen auch erheblich verschlechtert hat. Durch die Ernährungsunsicherheit, das „Fat shaming“ (vor allem auf Social-Media-Kanälen) und der eingeschränkte Zugang zu Gesundheitseinrichtungen, wurde die Essstörung gefördert (5). Berichte aus Australien und England schlagen Alarm, denn seit den Lockdowns hat sich die Anzahl der Einweisungen von Jugendlichen aufgrund von Essstörungen verdoppelt (6)! Das Netzwerk Essstörungen ist eine ausgezeichnete Beratungsstelle für  Betroffene und Angehörige. 

 

Wenn wir meinen, dass alle für den „Idealbereich“ bestimmt sind, übersehen wir dabei das Individuum. Dieser Bereich ist nämlich nicht für jeden gedacht! Sie dienen eher dazu auf Bevölkerungsniveau Vergleiche und Prognosen zu ermöglichen, aber nicht die Gesundheit eines einzelnen Menschen einzuschätzen. Auf individueller Ebene können Schönheitsideale, Idealbereiche und -vorstellungen mehr schaden als nützen, wie Studien zeigen. Daher mein Aufruf zur Achtsamkeit und einen liebevollen und einfühlsamen Umgang mit sich selbst und seinem Körper, der jeden Tag Überragendes leistet. Durch ihn können wir erst diese Welt wahrnehmen. Er bietet uns die Möglichkeit: Zu lachen, zu schmecken, zu genießen, zu spüren und zu lieben…

Denn das, was wirklich zählt, liegt im Inneren und nicht im Äußeren. Glauben Sie daher nicht allen Bildern und Beiträgen, die sie online sehen. Glauben Sie auch nicht Ihrer Waage, denn sie alle erzählen uns nicht die ganze Geschichte!

Wie selbst die Zahlen auf der Waage täuschen, habe ich der Krone Zeitung erzählt. Die Story können Sie im Tirol Panorama (Krone / Kurier) vom 1. Mai 2022 nachlesen.

Genussvolle Grüße,
Ihre Diätologin Edburg Edlinger

DGE-Fragebogen

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat einen Fragebogen zu diesem Thema entwickelt, wo sich jede/r selbst reflektieren kann.

1)  Haben Sie jemals einer Person mit Adipositas (Fettleibigkeit) beim Essen zugesehen und gedacht: „Muss er/sie jetzt noch essen? Er/Sie ist unkontrolliert oder willensschwach?“

–     Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Körpergewicht und persönlichen Merkmalen, wie Charaktereigenschaften, Intelligenz, Fähig- und Fertigkeiten.

2) Wenn Sie eine Person mit Übergewicht sehen, denken Sie dann: „Eine Schande, er/sie müsste dringend abnehmen“?

–      Ästhetische Urteile sind subjektiv. Nicht jeder, den wir als übergewichtig einschätzen, will abnehmen – auch, wenn Adipositas das Risiko für viele Folgekrankheiten erhöht. Nur ein Übergewicht, das die Gesundheit beeinträchtigt, ist medizinisch behandlungsdürftig.

–      Der Zustand, den wir sehen, kann bereits das Ergebnis eines erfolgreichen Gewichtsmanagements sein, z.B. Gewichtsstabilisierung nach einer Gewichtsabnahme.

–      Eine Gewichtsabnahme ist selbst bei Menschen mit Adipositas nicht immer die Behandlungsmethose der ersten Wahl, um gesundheitliche Verbesserungen einzuleiten.

–      Übrigens gibt es auch schlanke Personen, die Krankheiten haben, die häufig der Adipositas zugeschrieben werden.

3)    Denken Sie, dass Menschen mit Adipositas ihren Gesundheitszustand verbessern könnten, wenn sie nur „endlich Verantwortung“ für sich übernehmen würden?

–      Jedes Übergewicht hat seine eigene Geschichte. Es gibt hunderte von Faktoren, die Übergewicht verursachen können. Niemand hat darüber eine vollständige Kontrolle. Die Entwicklung von Übergewicht kann eine Überlebensstrategie in einer schwierigen Lebensphase sein. Bedenken Sie, dass der Mensch mit Übergewicht vor Ihnen vermutlich eine Vielzahl von temporär erfolgreichen Versuchen unternommen hat, um abzunehmen.

4)    Wenn Sie einen Witz über einen Menschen mit Übergewicht hören, der vielleicht sogar noch respektlos oder unangemessen war? Und einem Betroffenen erzählt wird: Lachen Sie mit – oder machen Sie deutlich, dass das respektlos oder unangemessen war?

–      Viele Menschen würden über den gleichen Witz lachen, wenn Rasse oder Geschlecht thematisiert würden. Bedenken Sie, dass hinter diesem „Humor“ eines Betroffenen ein selbstabwertendes Verhalten stecken kann, das Sie durch Mitlachen unterstützen.

5)    Sie haben in Ihrem Freundes-, Bekannten- und näheren Kollegenkreis keine Menschen mit starkem Übergewicht?

–      Möglicherweise ist der Grund dafür, dass Sie Menschen mit starkem Übergewicht meiden. Die Vorstellung, dass jeder von uns jederzeit Gewicht zulegen und so selbst in diesen Zustand geraten oder gar zum Opfer von Diskriminierung werden kann, kann einen Spannungszustand erzeugen, der den Umgang mit Betroffenen erschwert. Eine daraus resultierende Distanzierung kann den Umgang mit Betroffenen behindern. Eine empathische Haltung macht es leichter, Betroffene ganzheitlich zu betrachten, statt sich nur auf ihr Gewicht zu konzentrieren.

Quelle:

Deutsche Adipositas Gesellschaft (2018): Medienleitfaden Adipositas. Link: https://adipositas-gesellschaft.de/wp-content/uploads/2020/08/A5_DAG-MLF2018_NS_RZ_08102018.pdf (Aufgerufen am 28.4.2022)

Quellen:

(1) Rodgers, RFLombardo, C.Cerolini, S. (2020). The impact of the COVID-19 pandemic on eating disorder risk and symptoms. Int J Eat Disord. 2020531166– 1170. Link: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/eat.23318 (Aufgerufen am 28.4.2022)

(2) Jackson, S. E., Beeken, R. J., & Wardle, J. (2014). Perceived weight discrimination and changes in weight, waist circumference, and weight status. Obesity (Silver Spring, Md.), 22(12), 2485–2488. Link: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4236245/#:~:text=Consistent%20with%20evidence%20that%20people,and%20waist%20circumference%20over%20time (Aufgerufen am 28.4.2022)

(3) Sutin, A. R., Stephan, Y., & Terracciano, A. (2015). Weight Discrimination and Risk of Mortality. Psychological science, 26(11), 1803–1811. Link: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4636946/ (Aufgerufen am 28.4.2022)

(4) Swami, V., Horne, G., Furnham, A. (2021). COVID-19-related stress and anxiety are associated with negative body image in adults from the United Kingdom. Personality and Individual Differences, Volume 170, 2021. Link: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0191886920306176 (Aufgerufen am 29.4.2022)

(5) Cooper, M., Reilly, E.E, Siegel, JA, Coniglio, K., Sadeh-Sharvit, S., Pisetsky, M., Anderson, LM(2022). Eating disorders during the COVID-19 pandemic and quarantine: an overview of risks and recommendations for treatment and early intervention, Eating Disorders, 30:1, 54-76. Link: https://www.tandfonline.com/doi/citedby/10.1080/10640266.2020.1790271?scroll=top&needAccess=true (Aufgerufen am 29.4.2022).

(6) Schwartz, MD, Costello, KL. (2021).Eating Disorder in Teens During the COVID-19 Pandemic. Journal of Adolescent Health, Volume 68, Issue 5, 2021, S. 1022. Link: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1054139X21000999 (Aufgerufen am 29.4.2022)